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Warum ich meinen Uhren nur noch 3 ATM zutraue

Erfahrung, Tests und klare Entscheidungen aus der Neo-Vintage-Praxis


Black Bay 58

Wasserdichtigkeit ist eines der am meisten missverstandenen Themen in der Uhrenwelt. Zwischen Marketingangaben auf dem Zifferblatt, Halbwissen aus Foren und realer Nutzung klafft oft eine erhebliche Lücke.



Hamilton Khaki Field am Arm

Hamilton Khaki Field Wasserschaden

Ein Erlebnis hat dieses Thema für mich besonders greifbar gemacht: Im Urlaub ist mir eine nagelneue Hamilton mit nominell 10 bar Wasserdichtigkeit im Meer vollgelaufen. Neue Uhr, frische Dichtungen, keinerlei Vorschäden – und trotzdem ein klarer Wasserschaden. In diesem Moment wurde mir schlagartig bewusst, wie trügerisch reine Zahlenangaben sein können, wenn sie aus dem Nutzungskontext gelöst werden.

Ich bewege mich bewusst in der Neo-Vintage-Schiene. Die meisten Uhren in meiner Sammlung sind 20 Jahre oder älter. Es sind keine Neuuhren mit frischer Werksgarantie, keine Boutique-Käufe mit klar definiertem Serviceintervall. Oft weiß ich schlicht nicht, wann Dichtungen zuletzt getauscht wurden, in welchem Zustand Krone, Tubus oder Glasdichtung tatsächlich sind – und vor allem: wie sie heute reagieren, nicht auf dem Papier, sondern im Alltag.

Damit geht automatisch eine Verantwortung einher. Wenn hier etwas schiefgeht, gibt es keinen Hersteller, keinen Konzessionär und keine Garantie, die einspringt.

Ein Wasserschaden ist in letzter Konsequenz immer mein Thema. Diese Ausgangslage verändert den Blick auf Wasserdichtigkeit fundamental.

Aus genau diesem Grund habe ich begonnen, mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, zu testen, zu hinterfragen und Entscheidungen zu treffen – nicht als Uhrmacher, sondern als Enthusiast mit dem Ziel: realistische Alltagstauglichkeit statt theoretischer Grenzwerte.



Was bar-Angaben für mich im Alltag wirklich bedeuten


Je länger ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto klarer wurde mir, dass bar-Angaben auf dem Zifferblatt für mich nur ein sehr begrenzter Anhaltspunkt sind. Nicht, weil sie grundsätzlich falsch wären, sondern weil sie oft aus dem Kontext gerissen werden.

Als Enthusiast mit überwiegend älteren Uhren stelle ich mir nicht die Frage, was eine Uhr theoretisch aushält, sondern was ich ihr im Alltag verantwortungsvoll zumuten möchte.

1 bar bedeutet für mich Alltagssituationen, die sich nicht vermeiden lassen: Regen, Spritzwasser, feuchte Hände. Mehr erwarte ich davon nicht.

3 bar sind für mich der Punkt, an dem eine Uhr alltagstauglich wird.

MWC X 3 ATM

Händewaschen, das Reinigen im Waschbecken mit lauwarmem Wasser, milder Seife und einer weichen Bürste – all das gehört für mich zu einem normalen Umgang mit einer getragenen Uhr.

Gleichzeitig ziehe ich klare Grenzen. Dusche, Sauna, starke Hitze oder abrupte Temperaturwechsel sind für mich unabhängig von jeder bar-Angabe tabu. Hier geht es nicht um Wasserdruck, sondern um thermische Belastung, Materialausdehnung und Dichtungen, die schlagartig an ihre Grenzen kommen können – gerade bei älteren Uhren.

Was mir wichtig wurde: Höhere bar-Werte geben mir kein Gefühl von Unverwundbarkeit. Sie sind kein Freifahrtschein. Vor allem dann nicht, wenn ich den Servicezustand einer Uhr nur bedingt kenne. Mehr Druck bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit.


Alltagssituationen und Druck – warum Zahlen trügerisch sein können


Um bar-Angaben besser einordnen zu können, habe ich mich damit beschäftigt, welchen Belastungen eine Uhr im ganz normalen Alltag überhaupt ausgesetzt ist. Relativ schnell wird dabei klar, dass die klassische bar-Angabe ausschließlich statischen Prüfdruck unter Laborbedingungen beschreibt – also einen gleichmäßig wirkenden Druck ohne Bewegung, ohne Strömung und ohne Temperaturwechsel.

Im Alltag sieht die Situation völlig anders aus. Hier kommt dynamischer Druck hinzu: durch Bewegung des Arms, durch Beschleunigung, durch auftreffendes Wasser oder durch Strömung. Dieser Druck wirkt nicht konstant, sondern punktuell und situationsabhängig. Genau deshalb lässt er sich nicht seriös als fixer bar-Wert angeben. Er hängt stark davon ab, wie schnell man sich bewegt, aus welchem Winkel Wasser auf das Gehäuse trifft und wie abrupt diese Belastung entsteht.

Im Alltag bedeutet das für mich: Regen oder Spritzwasser stellen eine sehr geringe Belastung dar. Auch Händewaschen ist in der Regel unkritisch, wird aber häufig unterschätzt, weil Wasserstrahl und Bewegung lokal mehr Druck erzeugen können, als man intuitiv erwartet. Das kurze Reinigen im Waschbecken liegt bereits darüber, bleibt aber kontrollierbar, wenn man ruhig und bewusst vorgeht.

Sobald Bewegung im Wasser ins Spiel kommt, wird die Einordnung deutlich schwieriger. Ruhiges Schwimmen an der Oberfläche erzeugt nur geringen statischen Druck, bringt aber bereits zusätzliche dynamische Effekte mit sich. Aktives Schwimmen oder ein Sprung ins Wasser können hingegen zu kurzzeitigen, ungleichmäßigen Druckspitzen führen, die sich nicht mehr sinnvoll quantifizieren lassen.

Besonders tückisch sind Situationen wie Dusche oder Sauna. Hier spielen bar-Angaben praktisch keine Rolle mehr. Der statische Druck ist gering, die Kombination aus Wasserstrahl, Hitze und schnellen Temperaturwechseln stellt jedoch eine erhebliche Belastung für Dichtungen dar – gerade bei älteren Uhren.

Genau an diesem Punkt wird für mich klar, warum Zahlen allein nicht ausreichen. Tabellen und Richtwerte können helfen, ein Gefühl für Größenordnungen zu entwickeln. Sie ersetzen aber weder Verantwortung noch Zurückhaltung. Entscheidend ist nicht, was theoretisch möglich wäre, sondern was unter realen Bedingungen langfristig sinnvoll ist.


Druck in Alltagssituationen – Tabelle zur Einordnung der Werte

Situation

Drucktyp / Wirkung

Regen / Spritzwasser

sehr niedriger statischer Druck (< 0,1 bar)

Händewaschen

statisch ca. 0,3–0,5 bar

Reinigung im Becken

statisch ca. 0,5–1 bar

Ruhiges Schwimmen an Oberfläche

statisch < 0,5 bar + dynamische Effekte

Aktives Schwimmen / Bewegung

variable dynamische Spitzen (nicht pauschal bar)

Sprung ins Wasser

signifikante dynamische Spitzen möglich

Temperaturwechsel (Dusche etc.)

keine sinnvolle bar‑Angabe – thermisch kritisch

Sauna / Dampfbad

keine bar‑Messung relevant – thermisch kritisch


Mein Drucktest-Setup als Enthusiast – Möglichkeiten und klare Grenzen



Ich arbeite nicht mit professionellem Uhrmacher-Equipment und führe keine zertifizierten Prüfungen durch. Mein Drucktestgerät ist ein Werkzeug für den Hobby- und Enthusiastenbereich. Es ersetzt keinen Uhrmacher, hilft mir aber, meine Uhren besser einzuschätzen.

Das Prinzip eines Überdrucktests ist gut nachvollziehbar. Die Uhr wird zunächst trocken in eine geschlossene Kammer gelegt, in der Luftdruck aufgebaut wird. Erst danach kommt sie mit Wasser in Kontakt, während der Druck langsam und kontrolliert wieder abgelassen wird.

Der entscheidende Moment ist der Druckabbau. Ist eine Uhr undicht, entweicht Luft aus dem Gehäuse und wird in Form von Blasen sichtbar. Solange ein Überdruck im Gehäuse herrscht, wird Wasser nicht aktiv in die Uhr hineingedrückt. Genau deshalb ist dieser Test – korrekt durchgeführt – trotz Wasser vergleichsweise sicher.

Wichtig ist die Interpretation. Eine einzelne, verzögerte Blase ist für mich noch kein Alarmzeichen. Zeigen sich jedoch sofort oder kontinuierlich Blasen, ist das ein klares Signal, nicht weiter zu testen und das Thema professionell anzugehen.

Ich teste bewusst konservativ: zuerst mit 1 bar, dann 2 bar und maximal 3 bar. Danach höre ich auf. Nicht, weil mein Gerät mehr nicht könnte, sondern weil ich mir selbst eine klare Grenze gesetzt habe. Alles darüber würde den Nutzen für meinen Alltag nicht erhöhen, sondern nur das Risiko steigern.


Vintage vs. modern – warum ich bewusst unterschiedlich entscheide


Eine moderne Uhr und eine Neo-Vintage-Uhr mögen ähnliche bar-Angaben tragen – in der Realität sind sie zwei völlig unterschiedliche Ausgangssituationen. Bei modernen Uhren sind Dichtungen frisch, Materialien bekannt und im Zweifel greift eine Garantie.

Diese Sicherheit habe ich bei meinen älteren Uhren nicht. Hier ist vieles eine Momentaufnahme. Genau deshalb versuche ich nicht, historische Spezifikationen auszureizen, sondern stelle mir eine einfachere Frage: Was ist heute sinnvoll und verantwortbar?

Zurückhaltung ist für mich kein Verzicht, sondern ein bewusster Umgang mit Substanz.


Was mir meine eigene Sammlung gezeigt hat


Drei Uhren haben meine Haltung besonders geprägt.

Meine IWC, meine klassische Alltags- und Büro-Uhr, ist nominell mit 6 ATM angegeben. Ich trage sie fast ausschließlich am Lederband. Schwimmen ist damit ohnehin kein Thema. Für Regen, Händewaschen und Alltagssituationen reichen mir 3 ATM vollkommen aus. Mehr brauche ich nicht.

Ganz anders meine TAG Heuer. Ursprünglich mit 20 ATM spezifiziert, hat sie den Test bereits bei 1 bar nicht bestanden. Ein deutliches Leck an der Krone. Entscheidend ist für mich: Die Uhr hat den Test ohne Schaden überlebt. Der Test hat ein reales Problem aufgezeigt, ohne die Uhr zu gefährden.

Das dritte Beispiel ist meine Rolex Sea-Dweller von 2004. Sie wurde beim Konzessionär auf 1.200 Meter getestet – problemlos bestanden. Hier zeigt sich, was konsequente Konstruktion und Ingenieurskunst leisten können. Ein technisches Meisterwerk.

Diese drei Uhren haben mir klar gezeigt: Wasserdichtigkeit ist kein fixer Wert, sondern ein Zustand.


Warum 3 ATM für mich heute der Sweet Spot sind


Nach allem, was ich getestet und erlebt habe, sind 3 ATM für meinen Alltag der richtige Standard. Sie decken das ab, was ich im Alltag brauche, ohne die Uhr unnötig zu belasten. Gleichzeitig zwingen sie mich, Nutzung bewusst zu reflektieren.

Ich nutze Wasserdichtigkeit nicht, um Grenzen auszuloten, sondern um mich gegen unvermeidbare Alltagssituationen abzusichern. Absolute Sicherheit gibt es nicht – informierte Entscheidungen aber sehr wohl.


Fazit: Zustand schlägt Zahl


Wasserdichtigkeit ist für mich heute kein Marketingversprechen mehr, sondern ein momentaner Zustand, der immer im Kontext betrachtet werden muss. Alter, Nutzung, Servicehistorie und persönliche Erwartungen sind wichtiger als jede Zahl auf dem Zifferblatt.

Ich bin kein Uhrmacher. Ich bin Enthusiast. Und genau deshalb teste ich nicht, um Grenzen auszureizen, sondern um Risiken besser einschätzen zu können. Am Ende trage ich die Verantwortung selbst – für meine Uhren und für ihren langfristigen Erhalt.

Und genau daraus entsteht für mich Gelassenheit: nicht, weil ich alles absichere, sondern weil ich weiß, wo ich bewusst aufhöre.


Das Thema betrifft uns alle, die Uhren wirklich tragen! Wenn du eigene Erfahrungen, Unsicherheiten oder Erkenntnisse hast, freue ich mich auf den Austausch – in den Kommentaren oder bei einem unserer nächsten MWC-Treffen.

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