NOS – ungetragen, aber nicht gesund
- Patrick Heß

- 5. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Warum Stillstand keine Wartung ersetzt – und NOS-Uhren fast immer ein technisches Risiko sind

Wie ich auf das Thema NOS gekommen bin
Der Anlass für diesen Beitrag war keine theoretische Diskussion, sondern eine ganz konkrete Uhr.
In einem anderen Kontext habe ich mich zuletzt mit einer Bulova Super Perpetual Date beschäftigt – angeboten als NOS-Uhr aus den 1990er-Jahren.

Optisch makellos, ungetragen, mit allen typischen Attributen, die NOS-Angebote auf den ersten Blick so attraktiv machen. Die Uhr kam aus dem Ausland, vom anderen Ende der Welt, und war mit rund 600 Euro inseriert. Realistisch betrachtet schien ein Kaufpreis von etwa 500 Euro verhandelbar.
Auf den ersten Blick also ein vermeintliches Schnäppchen: seltenes Modell, guter optischer Zustand, ungetragen.
Wie so oft kam die entscheidende Frage jedoch erst im zweiten Schritt: Was bedeutet dieser NOS-Zustand technisch wirklich?
Da an der Uhr bislang keine Revision durchgeführt wurde, habe ich mir in Deutschland einen Kostenvoranschlag für eine vollständige Revision eingeholt. Das Ergebnis war ernüchternd – rund 480 Euro.
Plötzlich verschiebt sich die Perspektive. Aus einer vermeintlich günstigen NOS-Uhr wird rechnerisch eine Investition von knapp 1.000 Euro, noch bevor man sie überhaupt regelmäßig tragen kann. Transport, Zoll, Risiko beim Import und mögliche Ersatzteilthemen sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.
Dieser Moment war für mich der Auslöser, das Thema NOS, alte Öle und technische Realität grundlegend zu hinterfragen – und zwar losgelöst von Emotion, sondern aus Sammler- und Werterhaltsperspektive.
Warum NOS emotional so stark aufgeladen ist
Der Begriff NOS (New Old Stock) wirkt im Vintage-Bereich fast magisch. Er suggeriert Sicherheit, Werterhalt und eine Art technischen „Neuzustand“, obwohl die Uhr oft mehrere Jahrzehnte alt ist. Für viele Sammler steht NOS sinnbildlich für das Beste aus zwei Welten: historische Substanz kombiniert mit unberührter Originalität.
Diese Wahrnehmung ist nachvollziehbar. Eine ungetragene Uhr vermittelt Kontrolle – keine unbekannte Nutzungshistorie, keine unsachgemäßen Eingriffe, keine sichtbaren Abnutzungsspuren. Gerade im internationalen Markt, bei Angeboten aus Übersee, erscheint NOS häufig als eine Art Qualitätsversprechen.
Problematisch wird es jedoch dort, wo optischer Zustand mit technischem Zustand gleichgesetzt wird.

In vielen Inseraten – bewusst oder unbewusst – wird der Eindruck erweckt, eine NOS-Uhr sei automatisch „besser“ oder „sicherer“ als eine getragene, aber revidierte Uhr. Formulierungen wie „läuft gut“, „ungetragen seit Erstkauf“ oder „direkt aus dem Safe“ verstärken diese Annahme zusätzlich.
Tatsächlich beschreibt NOS jedoch ausschließlich den äußeren Zustand einer Uhr. Er sagt nichts darüber aus, was im Inneren des Werks in den letzten 20, 30 oder sogar 40 Jahren passiert ist – oder eben nicht passiert ist. Denn genau dieser Stillstand ist Teil des Problems.
Der Fall der Bulova war für mich daher kein Einzelfall, sondern ein exemplarisches Beispiel für eine strukturelle Fehlannahme im Vintage-Segment: NOS wird als Mehrwert verstanden, obwohl es technisch oft einen aufgeschobenen Wartungsfall darstellt.
Genau an diesem Punkt setzt dieser Beitrag an. Nicht, um NOS-Uhren schlechtzureden, sondern um sie realistisch einzuordnen – jenseits von Emotion, Verkaufsargumenten und Mythen.
Was NOS wirklich bedeutet – und was nicht
Der Begriff NOS (New Old Stock) stammt ursprünglich aus dem Handel und bezeichnet Ware, die zwar alt ist, aber nie verkauft oder genutzt wurde. Auf Uhren übertragen bedeutet das:Eine NOS-Uhr ist ungetragen, meist mit sehr gutem bis neuwertigem optischem Zustand, oft aus altem Lagerbestand eines Händlers oder aus einer langjährigen Privatsammlung.
Wichtig ist dabei eine klare Feststellung: NOS ist keine technische Zustandsbeschreibung.
Der Begriff trifft keine Aussage über:
den Zustand der Schmierung
die Alterung der Öle
den Verschleiß auf mikroskopischer Ebene
die Funktionssicherheit unter realer Belastung
Er beschreibt ausschließlich, dass die Uhr nicht oder kaum getragen wurde.
Gerade hier entsteht häufig ein Denkfehler. Intuitiv wird angenommen, dass eine ungetragene Uhr technisch „frischer“ sei als eine getragene. Bei mechanischen Uhren ist diese Logik jedoch nur bedingt zutreffend – in vielen Fällen sogar irreführend.
Mechanische Uhrwerke sind keine statischen Objekte. Sie bestehen aus beweglichen Bauteilen, die auf eine dauerhafte, funktionierende Schmierung angewiesen sind. Diese Schmierung altert unabhängig davon, ob das Werk läuft oder stillsteht. Stillstand bedeutet also nicht Konservierung, sondern lediglich fehlende Bewegung.
Eine getragene, regelmäßig gewartete Uhr kann technisch in einem deutlich besseren Zustand sein als eine NOS-Uhr, die über Jahrzehnte unangetastet gelagert wurde. Optisch mag Letztere überlegen sein – technisch ist sie es häufig nicht.
Deshalb ist es sinnvoll, NOS als das zu betrachten, was es tatsächlich ist: ein optischer Vorteil und ein sammlerischer Reiz, aber kein Ersatz für technische Wartung.
Uhrenöle altern – auch im Stillstand
Ein zentraler Punkt in der Diskussion um NOS-Uhren ist die Annahme, dass Stillstand eine Art Konservierung darstellt. Technisch betrachtet ist das jedoch nicht korrekt. Schmierstoffe – und damit auch Uhrenöle – unterliegen einer zeitabhängigen Alterung, unabhängig davon, ob ein Werk läuft oder nicht.
Diese Erkenntnis ist in der Industrie unstrittig. Schmierstoffe altern durch chemische Prozesse wie Oxidation, durch den Abbau von Additiven, durch Verdunstung leichter Bestandteile sowie durch physikalische Veränderungen ihrer Struktur. Bewegung beschleunigt diese Prozesse, ist aber nicht deren Voraussetzung. Auch im Ruhezustand schreitet Alterung voran.
Übertragen auf das Uhrwerk bedeutet das:Eine Uhr, die jahrzehntelang ungetragen gelagert wurde, besitzt zwar keine laufzeitbedingte Abnutzung – ihre Schmierung ist dennoch gealtert.
Hinzu kommt ein weiterer Effekt, der in der Praxis oft unterschätzt wird: Uhrenöle sind so formuliert, dass sie an definierten Schmierstellen haften. Mit zunehmendem Alter kann diese Haftfähigkeit jedoch nachlassen. Öle können sich über lange Zeiträume verlagern, sich aus dem eigentlichen Schmierpunkt zurückziehen oder ihre Viskosität verändern. Die Schmierstelle ist dann nicht „trocken“, aber auch nicht mehr korrekt versorgt.
An dieser Stelle entsteht häufig ein Missverständnis. Moderne synthetische Uhrenöle sind ohne Frage deutlich stabiler als historische Schmierstoffe. Daraus wird jedoch gelegentlich die These abgeleitet, moderne Öle würden im Stillstand praktisch unbegrenzt halten.
Diese Annahme lässt sich so nicht halten. Auch moderne Uhrenöle unterliegen einer zeitabhängigen Alterung. Ihre Eigenschaften verändern sich langsamer, aber nicht gar nicht.
Warum hält sich die gegenteilige Meinung dennoch so hartnäckig? Zum einen, weil viele mechanische Werke konstruktiv tolerant sind und auch mit suboptimaler Schmierung zunächst noch funktionieren. Zum anderen, weil eine Uhr nach langer Lagerung durchaus anlaufen und „gut laufen“ kann – zumindest oberflächlich betrachtet.
Damit lässt sich dieser Abschnitt nüchtern zusammenfassen: Stillstand ersetzt keine Wartung. Auch moderne Uhrenöle altern mit der Zeit – langsamer als früher, aber nicht unbegrenzt.
Historische Uhrenöle – warum ältere Jahrzehnte besonders kritisch sind

Um den technischen Zustand einer NOS-Uhr realistisch einschätzen zu können, ist es entscheidend, welche Art von Schmierstoffen zur Zeit ihrer Herstellung verwendet wurde. Uhrenöle haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts erheblich weiterentwickelt – und mit ihnen auch ihre Stabilität und Haltbarkeit.
Bis etwa 1950: Tierische und pflanzliche ÖleDiese Schmierstoffe hatten eine sehr begrenzte Lebensdauer, neigten stark zur Oxidation und verharzten oft bereits nach wenigen Jahren.
1950er- bis 1970er-Jahre: Mineralische ÖleStabiler als natürliche Öle, aber ebenfalls zeitlich klar begrenzt. Ihre funktionale Lebensdauer lag meist bei drei bis fünf Jahren.
1970er- bis 1990er-Jahre: Verbesserte mineralische und frühe synthetische ÖleDeutlich langlebiger, aber ebenfalls nicht unbegrenzt haltbar. Nach mehreren Jahrzehnten Lagerzeit ist eine intakte Schmierung praktisch ausgeschlossen.
Je älter eine NOS-Uhr ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre ursprüngliche Schmierung ihre Funktion verloren hat – unabhängig vom optischen Zustand.
Warum NOS-Uhren trotzdem oft „gut laufen“

Viele NOS-Uhren lassen sich nach Jahrzehnten Lagerzeit problemlos in Betrieb nehmen. Sie laufen an, zeigen stabile Gangwerte und vermitteln den Eindruck technischer Gesundheit.
Tatsächlich bedeutet „läuft“ jedoch lediglich, dass das Werk nicht blockiert ist. Gerade ältere Werke sind oft robust konstruiert und tolerieren mangelhafte Schmierung über längere Zeiträume.
Der entstehende Verschleiß ist schleichend und zunächst kaum wahrnehmbar. Genau deshalb wird der Zusammenhang zwischen NOS-Zustand und späterem Substanzverlust häufig unterschätzt.
Das reale Risiko beim Tragen einer NOS-Uhr ohne Revision
Das Risiko liegt nicht im sofortigen Defekt, sondern im verzögerten Verschleiß. Wird eine NOS-Uhr ohne Revision getragen, entsteht Substanzverlust an Stellen, die ursprünglich hätten geschützt werden sollen.
Die Folgen zeigen sich häufig erst später:
steigende Reparaturkosten
unnötige Eingriffe in die Originalsubstanz
langfristiger Wertverlust
Eine Revision ist daher kein optionales Upgrade, sondern Teil der korrekten Inbetriebnahme einer NOS-Uhr.

Moderne Uhrenöle – klar besser, aber kein Freifahrtschein
Im Zusammenhang mit NOS- und modernen Vintage-Uhren kursiert immer wieder die Aussage, dass moderne Uhren 15 oder 20 Jahre ungetragen im Safe liegen und anschließend ohne Revision getragen werden könnten.
Moderne synthetische Öle sind stabiler, aber nicht zeitlos. Auch sie altern – langsamer, aber nicht unbegrenzt. Hersteller definieren realistische Wartungsintervalle von etwa sieben bis zehn Jahren.
Moderne Öle können Verschleiß verhindern, aber keinen bereits entstandenen Schaden rückgängig machen. Auch bei moderneren NOS-Uhren ersetzt Stillstand keine Wartung.
Konsequenzen für Sammler und Käufer
NOS ist ein optischer Vorteil, kein technischer
Revisionen müssen in die Kaufkalkulation einfließen
„Läuft gut“ ist kein Qualitätskriterium
Revision vor Nutzung schützt Originalsubstanz
Fazit: Werterhalt braucht Wartung – auch bei NOS
NOS-Uhren sind reizvoll, aber technisch keine Ausnahme. Auch ungetragene Werke altern. Stillstand ersetzt keine Wartung.
Wer eine NOS-Uhr tragen möchte, sollte sie vor der Nutzung revidieren lassen. Nicht aus Misstrauen, sondern zum Erhalt der Substanz.
NOS ohne Revision ist kein Mehrwert fürs Tragen, sondern ein kalkulierter Wartungsfall.

Wenn du den Kauf einer NOS- oder Vintage-Uhr in Erwägung ziehst, bewerte nicht nur den optischen Zustand, sondern auch die technische Realität. Kalkuliere Servicekosten von Anfang an ein und triff deine Entscheidung informiert.
Quellenregister
Nr. | Quelle | Inhalt |
1 | Moebius Lubricants – Produktkatalog | Eigenschaften und Haltbarkeit von Uhrenölen |
2 | Moebius SYNT-A-LUBE 9010 | Shelf-Life synthetischer Uhrenöle |
3 | Moebius CLASSIC OIL 8000 | Klassische mineralische Uhrenöle |
4 | Fachliteratur Tribologie | Schmierstoffalterung |
5 | Uhrmacherische Werkstattpraxis | Erfahrungswerte zu Verschleiß |
6 | Schmierstoffnormen | Zeitabhängige Alterung |










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